Warschau (Stadt)

Warschau (poln. Warszawa)

Inhaltsverzeichnis

1 Geographie

Die Hauptstadt der Republik Polen liegt am Mittellauf der Weichsel im „Mittelmasowischen Tiefland“ (Nizina Środkowomazowiecka) im Zentrum Masowiens auf 90–115 m ü. d. M. Klimatisch wird W. sowohl kontinental als auch maritim beeinflusst, mit Temperaturjahresmittel von ca. 8,6 °C (Januar ca. –4 °C, Juli ca. 18 °C) und Jahressummen von 535 mm Niederschlag. Administrativ gehört W. zur Woiwodschaft Masowien und ist in 18 Stadtbezirke unterteilt.

W. ist mit 1.702.139 Einwohnern (2006), einer Fläche von rd. 517 km² und einer Bevölkerungsdichte von 3292 Einwohnern pro km² die größte und dichtest besiedelte Stadt des Landes. Der Großraum W. hat rd. 2,5 Mio. Einwohner und ist nach dem oberschlesischen Industriegebiet um Katowice die zweitgrößte Industrieagglomeration Polens. Gemessen am Pro-Kopf-Einkommen (brutto rd. 900 Euro/Monat), dem Bruttosozialprodukt, den Arbeitslosenzahlen (rd. 6 %) und dem Wirtschaftswachstum ist die Stadt W. weitaus besser gestellt als der Rest des Landes und bildet darüber hinaus den Investitionsschwerpunkt in Polen mit einer hohen Beteiligung ausländischen Kapitals. Dienstleistungen und Handel stellen den wichtigsten wirtschaftlichen Sektor W.s dar, der mehr als 70 % der gesamten Arbeitskräfte beschäftigt. Das stärkste Wachstum wurde in den letzten Jahren im Bank- und Finanzwesen verzeichnet, so dass W. zu einem wichtigen Finanzzentrum Osteuropas wurde. Ein großes Ausstellungs- und Messezentrum befindet sich in Planung. Des Weiteren sind u. a. der Bildungssektor sowie Verwaltungs- und Tourismusaktivitäten von Bedeutung. Der Anteil der in der Industrie beschäftigten Arbeitnehmer liegt bei ca. 18 %.

W. hat den größten internationalen Flughafen Polens (Warsaw Frederic Chopin Airport, 7.071.881 Fluggäste 2005) und ist ein bedeutender internationaler Knotenpunkt für den Bahnverkehr zwischen Ost und West. Gemessen am Altersdurchschnitt seiner Bevölkerung – rd. ein Drittel der Einwohner sind jünger als 24 Jahre (2003) – ist W. eine vergleichsweise junge Stadt mit einem Einwohnerzuwachs durch Zuzüge sowohl aus ganz Polen wie dem Ausland.

W. bildet das politische, administrative, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Polens mit zahlreichen wichtigen Hochschulen und internationalen Kultur- und Bildungseinrichtungen (z. B. die Universität oder die Polnische Akademie der Wissenschaften PAN). Neben einigen der wichtigsten Theater, Museen und Konzerthäuser des Landes beherbergt W. auch eine Vielzahl an international bekannten Galerien (z. B. das „Zentrum für zeitgenössische Kunst“ [Centrum Sztuki Współczesnej] Schloss Ujazdowski, die Galerien Zachęta, Foksal, Raster). Aus der Reihe der zahlreichen Sehenswürdigkeiten der Stadt seien v. a. die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaute Altstadt mit dem in den 1970er Jahren rekonstruierten Schloss, der in den 1950er Jahren von der Sowjetunion erbaute Kulturpalast sowie die zahlreichen Palais’ und Villen genannt.

Anfang

2 Kulturgeschichte

Bei der Besiedlung W.s spielte v. a. die günstige Lage an der Weichsel und die Beschaffenheit des Weichselufers eine ausschlaggebende Rolle: die bis zu 35 m hohe, von mehreren Schluchten durchzogene Böschung auf dem linken Ufer und die mehrere Meter breite Schwelle, die auf dem rechten Ufer die Flussniederung von der flachen Terrasse der „Pragaer” bzw. der „Wołomińsker Ebene” (Równina Praska bzw. Wołomińska) trennt, boten zugleich Schutz und Zugang zum an dieser Stelle leicht zu überquerenden Fluss, der hier zudem von einem relativ stabilen Flussbett gekennzeichnet ist.

Die Besiedlung des „Warschauer Kessels“ (Kotlina Warszawska) begann im 10. Jh. n. Chr. In der zweiten Hälfte des 11. Jh. hatte im heutigen W.er Stadtgebiet die Siedlung Kamion (heute Kamionek) eine bedeutende Stellung als Kirchensitz und vermutlich auch Marktort erlangt. Kamion, gelegen auf der rechten Weichselseite auf dem Gelände des heutigen Skaryszewski-Parks in Süd-Praga (Praga Południe), war durch eine Furt mit dem auf dem linken Ufer gelegenen Solec verbunden, das im 12. und frühen 13. Jh. das Siedlungszentrum W.s bildete.

Die große Burg der masowischen Herzöge, einem Zweig der jüngsten Piastenlinie, war aller Wahrscheinlichkeit zunächst bei Jazdów angesiedelt, bevor sie im 13. Jh. auf einen höher gelegenen Standort im Gebiet des heutigen Botanischen Gartens verlegt wurde. Ende des 13. Jh. ließ der masowische Herzog Bolesław II. auf dem Gelände des späteren Königsschlosses eine kleine Burg errichten. Ein W.er Burggraf wird erstmals 1321 erwähnt.

Die Burgsiedlung, errichtet an der Kreuzung wichtiger groß- und kleinpolnischer sowie innermasowischer Handelsstraßen (z. B. von Czersk nach Zakroczym), trug den Namen ›Warszowa‹ und wurde erstmals 1339 urkundlich erwähnt: zwischen 4.2. und 15.9.1339 fand in W. der Prozess zwischen dem polnischen König Kazimierz III. „dem Großen“ (1333-70) und dem Deutschen Orden um Pommerellen vor dem päpstlichen Gericht statt. Dieses Dokument bezeugt, dass W. bereits damals ein bedeutender Ort gewesen ist, jedoch ist kein Dokument über das Datum der Verleihung der Stadtrechte erhalten.

Die Stadt war 1352–55 der Hauptsitz Kazimierz I. Trojdenowic'. Für die frühe Stadtentwicklung W.s ist die Herrschaftszeit des masowischen Herzogs Janusz I. Starszy („des Älteren“), der 1373–1429 regierte, von besonderer Bedeutung: Ein Dokument von 1376 bezeugt bspw. die Verleihung eines Privilegs für die Bürger und die Stadt, ein öffentliches Bad zu bauen. Zum Zwecke der Vollendung der Stadt- und Burgmauern und ihrer Eingliederung in ein einheitliches Wehrsystem wurde den Bürgern darüber hinaus Steuern erlassen und eine Erlaubnis auf Benutzung herzoglicher Baustoffe erteilt. Um 1413 wurde der heute wieder zu besichtigende „Marschallturm“ (Wieża Marszałkowska) als Wachturm auf der Weichselseite gebaut. Im selben Jahr bestätigte und erweiterte Janusz I. W. die Stadtrechte auf der Grundlage des Kulmer Rechts. Unter seiner Herrschaft wurde Anfang des 15. Jh. der Sitz der Stiftskirche von Czersk nach W. verlegt und W. wurde zur Hauptstadt Masowiens.

Zuvor, gegen Ende des 14. Jh. wurde die Neustadt nördlich der Wehrmauern errichtet und 1408 entzog sich Neu-W. der Rechtssprechung Alt-W.s. In Alt-W. lebten hauptsächlich Kaufleute, die von den Gewinnen der Holzflößerei, und vom Getreide- und Holzhandel lebten, der über die Weichsel mit Danziger Kaufleuten unterhalten wurde, außerdem Handwerker, die Metall und Leder verarbeiteten. In der ärmeren Neustadt siedelten sich Landarbeiter, Bierbrauer, Töpfer und Tuchmacher an. Das Entstehen der durch W. führenden Handelsstraße von Süddeutschland über Schlesien nach Litauen und Moskau in der zweiten Hälfte des 15. Jh. sowie die 1558 in Kraft tretende Befreiung der W.er Kaufleute von Wasserwegzöllen begünstigte das Wachstum W.s und eine weitere Spezialisierung des Handwerks.

In der ersten Hälfte des 16. Jh. wurde ein zweiter äußerer Mauerring im Norden und Westen errichtet und ab 1573 verband eine Weichselbrücke Praga mit W. 1526 wurde das Herzogtum Masowien als Provinz dem Königreich Polen unter Zygmunt I. Stary („dem Alten“, 1506-48) unterstellt. 1569 beschloss der Sejm in Lublin die Bildung einer Realunion des Großfürstentums Litauen und Polen und W. wurde zum Ort der allgemeinen Reichstage des vereinigten Sejms. Die 1573 geschlossene W.er Konföderation sicherte dem protestantischen Adel Glaubensfreiheit und Schutz von Leben und Besitz zu.

Der Tod Zygmunts II. August 1572 und die Tatsache, dass der masowische Kleinadel zahlenmäßig ein Übergewicht besaß, bereitete schließlich den Hauptstadtwechsel von Krakau nach W. vor: auf dem „Konvokationsreichstag“ (Sejm konwokacyjny) in W. im Januar 1573 wurde das persönliche Wahlrecht der Adeligen durchgesetzt und im April 1573 wurden erstmals in W. die zwar theoretisch geltenden, aber tatsächlich erstmalig zu diesem Zeitpunkt praktizierten freien Königswahlen des Adels abgehalten. 50.000 Adelige sollten zwischen vier Kandidaten entscheiden. Erster in W. gewählter König wurde Henri de Valois (1574), Bruder des französischen Königs Karl IX., bald darauf folgten Stefan Batory (1576-86) und schließlich der schwedische Kronprinz Zygmunt III. Waza.

1596, inmitten innenpolitischer Spannungen und nachreformatorischer Religionsstreitigkeiten zwischen dem König, der Szlachta, den Magnaten und dem Sejm, verlegte Zygmunt III. Waza auch die königliche Residenz von Krakau nach W. Parallel zum Ausbau des Schlosses, einer Ausdehnung der Alt- und Neustadt, einer Umgestaltung der nun als Senatoren- und Abgeordnetenwohnsitze genutzten gotischen Bürgerhäuser am altstädtischen Markt im Renaissance und Barockstil, wurde W. auch zu einem bedeutenden Zentrum der Wissenschaften und Künste. Um W. herum errichteten weltliche und geistliche Würdenträger Anwesen, Palais’, Herrenhäuser und Stadtviertel (poln. Jurydyka, eines der ältesten ist Nowoświecka, deren Hauptstraße die ›ulica Nowy Świat‹ war), die aufgrund ihrer Lage außerhalb der Stadtmauern unabhängig von der städtischen Gerichtsbarkeit waren.

Zygmunts Nachfolger wurde sein Sohn Władysław IV. Waza, der zu Ehren seines Vaters 1644 die zum Wahrzeichen der Stadt gewordene Sigismundsäule (Kolumna Zygmunta) errichten ließ. Über die Ehefrauen Władysławs wurde am W.er Hof sowohl Deutsch (seine erste Ehefrau war Cäcilia Renata, eine Schwester des Habsburgers Ferdinand III.) als auch Französisch (seine zweite Ehefrau war die Französin Ludovica Maria aus dem Haus Gonzaga-Nevers) als wichtigste Fremdsprachen gesprochen.

1655 eroberte der schwedische König Karl X. Gustav weite Teile Polens, u. a. W., das um 1645 bereits rd. 20.000 Einwohner hatte. Die Jahre zwischen 1655 und 1658 im Zuge des außenpolitischen Niederganges Polen-Litauens und dem Verlust seiner Vormachtstellung in Osteuropa brachten mehrere Belagerungen und Eroberungen W.s, u. a. bei der dreitägigen Schlacht vom 28.–30.7.1656. Der Niedergang Polen-Litauens ist u. a. mit der Beschlussunfähigkeit des Sejm zu erklären ist, wo der polnische Adel 1652 das sog. ›liberum veto‹ für sich durchsetzte, welches sich insbesondere bei der Organisation der Landesverteidigung als verhängnisvoll erweisen sollte. Schwere Zerstörungen und Verluste an Bau- und Kunstwerken, Bibliotheken, technischen Einrichtungen und finanziellen Ressourcen W.s waren die direkte Folge der zahlreichen Kriege der ersten Hälfte des 17. Jh.

Im dritten Viertel des 17. Jh. erstarkte W., das in diesen Jahrzehnten den Höhepunkt der Barockkultur in Polen widerspiegelte, erneut wirtschaftlich und kulturell. Unter König Jan III. Sobieski wurden Literaten, Historiker und Maler gefördert und der französische Einfluss in Polen fest verankert. Jan III. ließ auch Schloss Wilanów als königliche Sommerresidenz umbauen. Doch der folgende Nordische Krieg (1700–21) und auch die Pest (ca. 1708–12) führten dazu, dass sich die Einwohnerzahl der Stadt im ersten Viertel des 18. Jh. dezimierte. Der Wettiner Friedrich August I., Kurfürst von Sachsen, der als König August II. „der Starke“ in W. von 1697 bis 1733 regierte, verstärkte den deutschen Einfluss am polnischen Hof nicht zuletzt über die Schar deutscher Berater, die er um sich versammelte. Seine zweite Regierungsperiode von 1709–33 ging u. a. wegen Korruption des gesamten Adels und des Königshofes als „dunkle Zeit“ in die polnische Geschichte ein. Aber auch der allgemeine Verfall des kulturellen Lebens und der Niedergangs religiöser Toleranz trug zu dieser Einschätzung bei. Nichtsdestotrotz bereicherte die rege Bautätigkeit Augusts II. und des III. W. um mehrere neue Baukomplexe, darunter die „Sächsische Achse“ (Oś Saska), die größte Barockkomposition W.s, von der heute u. a. noch der „Sächsische Garten“ (Ogród Saski) zeugt. Darüber hinaus ließ August II. das Königsschloss ausbauen. Diesem Vorbild folgten die Magnaten mit ihren Residenzen, um die herum sich neue Siedlungen entlang bestimmter Achsen entwickelten. Die im 17. und 18. Jh. entstandenen Paläste befanden sich so etwa überwiegend am historischen Trakt vom Königsschloss zum Belvedere und an und um die Straßenzüge ›ulica Miodowa‹, ›Senatorska‹ und ›Długa‹. Aufgrund unterschiedlicher Bau- und Ordnungsmaßnahmen erweiterte sich das Stadtgebiet zunehmend. 1764 hatte W. bereits 30.000 Einwohner. Polen-Litauen verfiel durch die letztendlich aus dem ›liberum veto‹ resultierende „Adelsanarchie“ und religiöse Intoleranz jedoch zusehends einer Innengerichtetheit, während Preußen und das russische Zarenreich immer mehr erstarkten und aus unterschiedlichen Motiven die Adelsrepublik bedrängten.

Der letzte polnische König, Stanisław II. August Poniatowski wurde 1764 in W. mit bedeutender russischer Unterstützung gewählt und – zum ersten Mal in der Geschichte Polens – auch dort gekrönt. Unter dem zunehmenden Druck und der habsburgerischen, preußischen und russischen Annexion großer polnischer und litauischer Gebiete, die in die erste Teilung des Landes mündeten, wurde im sog. „vierjährigen“ Reichstag von 1788 an einer neuen Verfassung gearbeitet, die Ideen der französischen Aufklärung umsetzte und schließlich am 3.5.1791 als erste geschriebene Verfassung dieser Art in Europa verkündet wurde. Infolgedessen verstärkten die Nachbarn den Druck auf Polen-Litauen. Eine kurze Erfolgsperiode bescherte diesem der von Tadeusz Kościuszko (1746–1817) angeführte und nach ihm benannte Aufstand, der am 17.4.1794 die russische Besatzung aus W. vertrieb, das bald aber von Preußen belagert wurde. Nach der Verwundung und Gefangennahme Kościuszkos durch die Russen im Oktober 1794 wurde der Stadtteil Praga im November 1794 von der russischen Armee unter Aleksandr V. Suvorov erobert und ein Massaker unter der Bevölkerung mit rd. 15.000 Toten angerichtet.

1795 kam es zur sog. dritten Teilung Polen-Litauens zwischen Russland, Österreich und Preußen. Masowien und damit W. fiel an Preußen, im November dankte Stanisław II. August ab. Der Niedergang Polens war in den letzten Jahrzehnten begleitet von einem regen politischen Literaturbetrieb in W., der sich kritisch mit dem ›liberum veto‹ auseinandersetzte und somit die Reform- und Verfassungserarbeitung inhaltlich vorantrieb. Damit kam auch der polnische Adel Europa wieder näher, was sich auch in der Architektur W.s, u. a. der zahlreichen Paläste niederschlug. Darüber hinaus war W. gegen Ende des 18. Jh. ein wichtiges Handels- und Manufakturzentrum. 1792 hatte W. je nach Zählung zwischen 100.000 und 120.000 Einwohner. Durch den Rückzug des Adels, die preußische Eigentumskonfiszierung und Produktionsbeschränkungen sank die Einwohnerzahl W.s um 1800 auf rd. 63.500.

Die jüdische Selbstverwaltung wurde 1797 abgeschafft und eine Einteilung je nach Besitz in auszuweisende, „geduldete“ und „geschützte“ Juden vorgenommen, was wiederum polnische Animositäten gegenüber der jüdischen Bevölkerung zur Folge hatte, die diese Einteilung als Bevorzugung der Juden ansahen. Für Polen und Juden deutlich spürbar waren die Germanisierungstendenzen dieser Zeit.

Am 14.6.1807 besiegte Napoleon mit Hilfe polnischer Truppen das mit Preußen verbündete Russland bei Friedland und Anfang Juli 1807 wurde im Frieden von Tilsit das polnische Herzogtum W. als eine Art französischer Satellitenstaat mit eigener, allerdings mehr oder weniger provisorischer Verfassung (›Statut constitutionnel du duché de Varsovie‹ vom 22.7.1807) gegründet, das zum großen Teil aus den Gebieten bestand, die Preußen nach der dritten Teilung zugesprochen wurde, rd. 103.000 km² Fläche und 2,6 Mio. Einwohner umfasste. Nach der kurzzeitigen aber letztendlich erfolglosen Besetzung W.s durch österreichische Truppen 1809 musste Österreich im Frieden von Schönbrunn am 14.10.1809 Westgalizien und Krakau an das Herzogtum W. abgeben, welches sich damit um 50.000 km² vergrößerte. Mit nunmehr 4,3 Mio. Einwohnern, von denen 80 % Polen waren und der Amtssprache Polnisch kann das Herzogtum W. als Kern für den späteren polnischen Staat der Zwischenkriegszeit angesehen werden. Herzog war König Friedrich August I. von Sachsen, der jedoch während seiner Amtszeit nur viermal in W. weilte. Nach dem fehlgeschlagenen Angriff Napoleons auf Russland nahm dieses W. 1813 ein und setzte sich dort fest. Daraufhin wurde auf dem Wiener Kongress 1814–15 das Herzogtum geteilt, wobei am 20.6.1815 ein verkleinertes Königreich (ca. 120.000 km², das sog. Kongresspolen, poln. Kongresówka) unter der Herrschaft des russischen Zaren Aleksandr I. proklamiert wurde. Der noch immer in Kraft befindliche ›Code Napoléon‹ trug zur Entstehung eines starken Stadtbürgertums bei. Die Zunahme der Bevölkerung W.s – 1813 hatte W. wieder rd. 79.000 Einwohner, 1827 zählte die Stadt bereits 120.000 Einwohner und 1845 145.000, ging mit einer räumlichen Ausdehnung und einem Aufschwung der W.er Industrie einher, insbesondere der Textil-, Eisen- und Metall-, Lebensmittel- und Lederindustrie. Außerdem stieg W. zu einem Bildungszentrum auf – die Universität W. wurde 1816 gegründet, das Musikkonservatorium 1821. W. war mit Abstand die größte Stadt im Königreich – an zweiter Stelle folgte Lublin mit nur ca. 13.000 Einwohnern.

Eineinhalb Jahre nachdem Zar Nikolaj I. in W. gekrönt wurde, brach am 29.11.1830 durch Geheimgesellschaften initiiert ein Aufstand (Novemberaufstand) gegen die russische Fremdherrschaft los, die Stadt kam in die Hand der Aufständischen. Am 25.1.1831 setzte der Sejm den König ab und die anderen Teilungsmächte verbündeten sich mit Russland gegen Polen. Anfang September 1831 wurde W. eingenommen und die sog. große Emigration v. a. der hohen Entscheidungsträger und Kulturschaffenden aus Polen ins Exil folgte. Kultur- und Bildungseinrichtungen, u. a. die Universität wurden geschlossen, Kulturgüter beschlagnahmt und aus dem Land gebracht, und in der Stadt eine Festung (Zitadelle) errichtet, die u. a. als Gefängnis diente. Andererseits entwickelte die schon während der preußischen Herrschaft entstandene „Gesellschaft der Freunde der Wissenschaft“ (Towarzystwo Przyjaciół Nauk) einen in Literatur, Kunst und Wissenschaft weit über W. hinausreichenden Einfluss.

Auch auf anderen Gebieten ging die Entwicklung weiter: W. wurde zum Eisenbahnknotenpunkt, was wiederum die industrielle und wirtschaftliche Entfaltung beflügelte: die erste Strecke zwischen Wien und W. wurde von 1839–48 gebaut, der erste Bahnhof W.s eröffnete 1846, in Praga weitere zwischen 1862 und 1877, die Eisenbahnbrücke über die Weichsel entstand 1873–75. Wasserwerke, Kanalisation und trassierte Straßen gab es seit Mitte des 19. Jh.
1860 hatte W. 230.000 Einwohner. Das revolutionäre Potential in W., die Untergrundorganisationen mit Kontakten zur Emigration und immer wieder aufflammende Konflikte führten am 22.1.1863 zum erneuten Aufstand (Januaraufstand), in dessen Verlauf in W. ein Untergrundstaat errichtet wurde. Bis April 1864 wurde der Aufstand niedergeschlagen, Tausende hingerichtet oder verbannt und Güter beschlagnahmt. Im Zuge der allgemeinen Russifizierungspolitik wurde die W.er Universität eine russische Hochschule.
Ende 19./Anfang 20. Jh. setzten markante (neo)russische Gebäude sowie z. B. die 1912 vollendete und 1926 abgerissene russisch-orthodoxe Kathedrale am „Sächsischen Platz“ (Plac Saski, heute Plac Marszałka Józefa Piłsudskiego) russische Akzente im W.er Städtebau.
Durch Reformen auf dem Land zogen viele Bauern in die Stadt oder emigrierten. Die Wende vom 18. zum 19. Jh. war geprägt von starker Industrialisierung, die sich v. a. in Praga vollzog. 1913 gab es annähernd 600 Fabriken in W., die rd. 40.000 Arbeiter beschäftigten. 1907 kam die elektrische Straßenbahn. 1914 hatte W. bereits 884.000 Einwohner. Die zu enge Bebauung und Überbevölkerung führte 1916 zu Eingemeindungen. W. spielte trotz politischer Einengung eine wichtige Rolle als Handelszentrum zwischen Ost und West. Als starke politische Kräfte entwickelten sich Ende des 19., Anfang des 20. Jh. in W. auf der Linken u. a. die von Rosa Luxemburg und Julian Marchlewski (1866-1925) im Untergrund aufgebaute und geleitete „Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauen“ (SDKPiL), auf der Rechten die Nationaldemokraten unter Roman Dmowski (1864–1939) und unterschiedliche nationalistische- und Bauernparteien. Die zweite starke linke Gruppierung, die „Sozialistische Partei Polens“ (PPS) unter Józef Piłsudski hatte ebenfalls großen Einfluss und organisierte sich auch paramilitärisch.

Eine Massendemonstration löste schließlich ein Gefecht mit der russischen Armee aus und führte zu Guerilla-Aktionen gegen die zaristische Macht und zur Kernbildung der polnischen Armee. 1915 kamen weite Teile Polens als Generalgouvernement W. unter deutsche Verwaltung, allerdings wurde in Schulen und Gerichten wieder Polnisch als Sprache eingeführt. Hochschulen, u. a. die Technische Hochschule ›Politechnikum‹wurden eröffnet, die polnische Wirtschaft und Industrie jedoch für die deutsche Kriegsführung benutzt. Am 5.11.1916 kam es zur Proklamation des „Königreiches Polen“ und zur Bildung eines „Provisorischen Staatsrates“ im W.er Schloss am 14.1.1917, allerdings unter Duldung der Generalgouverneure.

Nach dem Eintritt der USA in den Krieg und dem Ausbruch der Oktoberrevolution in Russland, dem Formieren der westlichen Alliierten, deren Kriegsziel u. a. ein unabhängiger polnischer Staat war, und dem Auseinanderfall der Teilungsmächte entstand mit der Machtübernahme durch Piłsudski im November 1918 in W. ein unabhängiger polnischer Staat, der sich als „zweite Republik“ bezeichnete. Die angespannte wirtschaftliche und politische Situation führte am 12.5.1926 zum „Marsch auf W.“ durch den zuvor zurückgetretenen Piłsudski, der mit vielen Toten und der Machtübernahme sowie der Einführung eines autoritären Regimes endete. Steigender Antisemitismus, die Verarmung großer Teile der jüdischen Bevölkerung, eine sich verschärfende Wirtschaftskrise und schlechte Lebensbedingungen in den Industrie- und Arbeitervierteln Bródno, Grochów, Pelcowizna, Targówek und Wola kennzeichneten die Jahre bis 1939. Die Zwischenkriegszeit war auch von einem raschen Bevölkerungszuwachs geprägt, so dass W. 1939 bereits rd. 1,3 Mio. Einwohner hatte. Der Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen erreichte am 8.9.1939 W. Die bis zum 28.9.1939 andauernden Kämpfe kosteten etwa 26.000 Menschen das Leben und rd. 15 % der Bausubstanz W.s wurde bereits in dieser frühen Phase des Krieges zerstört. Unter dem deutschen Terrorregime wurde die Stadt bis 1945 restlos ausgebeutet, die W.er Intelligenz wurde unterdrückt oder getötet. Kulturgüter wurden in hohem Maße zerstört oder gestohlen.
Die jüdische Bevölkerung, die mit rd. 400.000 Menschen nahezu ein Drittel der Bevölkerung ausmachte und damit W. zur zweitgrößten jüdischen Stadt der Welt machte, wurde im Getto interniert bzw. nach und nach in die Vernichtungslager deportiert und getötet. Am 19.4.1943 begann der Getto-Aufstand. Während des Aufstandes wurde das Getto von deutschen Spezialtruppen systematisch niedergebrannt und zerstört, die noch lebende jüdische Bevölkerung deportiert und getötet. Am 1.8.1944 begann die ca. 50.000 Mann starke „Heimatarmee“ (Armia krajowa) – in W. waren u. a. die bekannten Bataillone ›Dzik‹ und ›Wigry‹ stationiert – einen Aufstand. Es gelang ihr, große Teile W.s zu übernehmen. Die Rote Armee, die bereits am rechten Weichselufer bis in den Stadtteil Praga vorgerückt war, unterstützte die Aufständischen jedoch nicht und verweigerte darüber hinaus die Landegenehmigung für Hilfslieferungsflüge aus der Luft. Der W.er Aufstand wurde am 2.10.1944 niedergeschlagen. Rd. 200.000 Menschen fanden während und nach dem Aufstand den Tod. Die überlebende Zivilbevölkerung W.s (rd. 500.000 Menschen) wurde aus der Stadt vertrieben, verschleppt oder deportiert und die Stadt von Sprengkommandos bis Januar 1945 systematisch zerstört und niedergebrannt. Von vielen hunderten als Denkmäler eingestuften Gebäuden überstanden nur wenige Dutzend den Krieg intakt.
Am 17.1.1945 wurden die Deutschen in W. besiegt und ein von Moskau unterstütztes Regierungskomitee, das sog. Lubliner Komitee, als provisorische Regierung eingesetzt. Der Wiederaufbau der Stadt und die historische Rekonstruktion v. a. der Altstadt, größtenteils orientiert an Quellen aus dem 18. Jh., begann.

Im Zuge der Sowjetisierung bis 1956 wurden große Teile W.s nach dem Leitbild der sozialistischen Stadt bzw. in Übereinstimmung mit der ›Charta von Athen‹ neu geplant und gebaut – mit monofunktionalen Quartieren entlang von Schienen und Straßen, durchsetzt mit großzügigen Frei- und Grünflächen. Die Einwohnerzahl stieg rapide an von 162.000 1945 auf 815.000 1951. Das Stadtgebiet wurde u. a. durch Eingemeindungen erweitert. Trotzdem war Wohnraum immer knapp. Prägnantestes bauliches Merkmal des Stalinismus in W. ist der 1955 komplettierte 230 m hohe „Palast der Kultur und Wissenschaft“ (Pałac Kultury i Nauki), der im Stil des sozialistischen Realismus als „Geschenk der Sowjetunion an das polnische Volk“ erbaut wurde.

Am 14.5.1955 wurde in W. der W.er Pakt beschlossen. Der „W.er Herbst“, international bedeutendes Festival zeitgenössischer und Neuer Musik fand 1956 zum ersten Mal statt und gegen Ende der 1970er gründeten sich auch in W. zunehmend Untergrund- und Bürgerrechtsbewegungen, wie bspw. der Klub „Experiment und Zukunft“ (Doświadczenie i Przyszłość), oder unterschiedliche Untergrundzeitschriften und -verlage, für die u. a. auch der spätere Politiker und heutige Chefredakteur der Zeitung ›Gazeta Wyborcza‹ Adam Michnik (*1946) schrieb. 1978 hatte W. rd. 1.400.000 Einwohner und eine Fläche von 480 km².
Am 2.6.1979 predigte der 1978 gewählte Papst Johannes Paul II. am damaligen „Siegesplatz“ (Plac Zwycięstwa, heute Plac Marszałka J. Piłsudskiego) vor Hunderttausenden. Dieses Zusammenkommen wird immer wieder als Mitursache für die Erstarkung der Solidarność-Bewegung angeführt.
Im Zuge der Solidarność-Proteste war für den 17.12.1981 eine Großdemonstration in W. vorgesehen, jedoch rief Regierungschef Wojciech Jaruzelski (*1923) am 13.12.1981 den Kriegszustand aus. Im Mai 1981 starb auch der Erzbischof von W., Kardinal Wyszyński, der stets um politische Vermittlung bemüht war. Vom 6.2.–5.4.1989 fand der erste öffentliche runde Tisch statt, der zu freien Wahlen noch im selben Jahr führen sollte.

Heute ist W. eine pulsierende europäische Metropole und das Handelszentrum Polens, was sich auch in der seit 1990 im Stadtbild zunehmenden Bürohochhausarchitektur (in den letzten Jahren verstärkt zwischen ›Aleja Jana Pawła‹ und ›Ulica Emilii Plater‹) sowie der stark gestiegenen Bautätigkeit widerspiegelt. Nichtsdestotrotz steht die Stadt einer Reihe von Problemen im Spannungsfeld zwischen postsozialistischer Transformation und europäischer Integration gegenüber. Ein Großteil des Baukörpers und der technischen Infrastruktur W.s ist dringend reparatur- bzw. umbaubedürftig. Eines der größten Probleme liegt im Bereich Straßen- und Verkehrswesen. Exemplarisch dafür ist die äußerst späte und schleppende Inbetriebnahme der kleinen Metro (1995). Auch beim Wohnungsbau und auf dem Wohnungsmarkt gibt es Missstände. Dazu kommen Luft- und Wasserverschmutzung und Lärmbelastung. Das Straßen- und S-Bahnnetz W.s ist trotz Modernisierung an seiner Kapazitätsgrenze angekommen. Dass W. heute als eine der größten Baustellen Europas bezeichnet wird, spiegelt sowohl eine Reaktion auf Bedürfnisse des Wohnungs- und Mietmarktes als auch auf dringend notwendige Modernisierungen und Reparaturen der technischen- und Versorgungsinfrastruktur wider.
Trotzdem ist W. das Kunst-, Wissenschafts- und Medienzentrum Polens und ein wichtiger kultureller Knotenpunkt in Ostmitteleuropa. Seit Generationen versammelt sich hier ein hoher Anteil bedeutender Persönlichkeiten aus den Bereichen Kultur und Wissenschaft, u. a. lebten und arbeiteten in W. Bernardo Belotto (gen. Canaletto, 1721–80) Frédéric Chopin (1810–49), Henryk Sienkiewicz (1846–1916), Ignacy Jan Paderewski (1860–1941), Marie Curie-Skłodowska (1867–1934), Stanisław Ignacy Witkiewicz (gen. Witkacy, 1885–1939), Isaak Bashevis Singer (1904–91), Czesław Miłosz (1911–2004), Witold Lutosławski (1913–94), Krzysztof Kieślowski (1941–96) und Andrzej Stasiuk (*1960).
Aufschlussreiche zeitgenössische literarische und filmische Darstellungen des Lebens in W. finden sich u. a. in A. Stasiuks Bildungsroman „Wie ich Schriftsteller wurde“ (Jak zostałem pisarzem, 1998) sowie den Filmen ›Dekalog‹ (1988) von K. Kieślowski und ›Warszawa‹ (2003) von Dariusz Gajewski (*1964).

Chrościcki J. A., Rottermund A. 1978. Architekturatlas von Warschau. Warschau. Huber W. 2005. Warschau – Phönix aus der Asche – Ein architektonischer Stadtführer. Köln. Niemczyk M. 1998. City Profile - Warsaw (Warszawa). Cities 15/4, 301–311. http://www.um.warszawa.pl/ [Stand 1.5.2006].

(Bernd Adamek-Schyma)

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