Kiew (Stadt)

Kiew (jidd. Kiav, poln. hist. Kijów, russ. hist. Kiev, ukrain. Kyjiv)

Inhaltsverzeichnis

1 Geographie

Die Hauptstadt der Ukraine liegt am rechten Dnjepr-Ufer auf einer Höhe von ca. 180 m ü. d. M. Sie ist mit 2.718.100 Einwohnern (2006) die größte Stadt des Landes, Hauptstadt des gleichnamigen Gebiets und ein eigener Stadtbezirk. Die mittlere Temperatur beträgt im Januar –5,3 °C, im Juli 19,2 °C. Die durchschnittliche jährliche Niederschlagsmenge beläuft sich auf 632 mm.

2 Kulturgeschichte

K. hat in der ukrainischen und ostslawischen Geschichte als kirchliches und politisches Zentrum der K.er Rus eine herausragende Bedeutung gehabt. Die „Erzählung von den vergangenen Jahren“ (altkirchenslaw. Pověstʹ vrěmennych lět, auch: Nestorchronik) nennt K. auch „Mutter der Städte der Rus“. Der Chronik nach wurde K. von den drei Brüdern Kyj, Šček, Choryv und ihrer Schwester Lybidʹ gegründet und nach Kyj, dem ältesten, benannt.

Im 9. Jh. entstand an der Stelle des heutigen K. nahe einer Furt im mittleren Flusslauf des Dnjepr eine poljanische Ansiedlung. Es kreuzten sich hier zwei Fernhandelswege: Einer führte von Nürnberg über Breslau und Krakau nach K. und von dort bis ins Chasarenreich und in die arabischen Länder, der andere – von den Warägern entdeckte – von der Ostsee in südlicher Richtung den Dnjepr abwärts zum Schwarzen Meer (in der Nestorchronik „von den Warägern zu den Griechen“ genannt). Die sich schnell slawisierenden Waräger gaben einen wichtigen Anstoß zur Entstehung der Rus mit K. als bedeutendstem Zentrum. Der Handel über den Dnjepr und die Kontakte zwischen K. und Konstantinopel nahmen seit dem Ende des 9. Jh. deutlich zu. K. wurde vor dem 13. Jh. mit bis zu 40.000 Einwohnern eine der größten Städte Europas.

Die seit den 1970er Jahren erfolgte archäologische Erforschung des mittelalterlichen K. konnte nachweisen, dass die „obere Stadt“ bzw. „Oberstadt“ oder „Bergstadt“ auf z. T. befestigte, z. T. unbefestigte Ansiedlungen aus dem späten 5. und 6. Jh. zurückging, die im 9. Jh. stärker besiedelt und befestigt wurden. Ende des 10. Jh. entstand hier ein vom Fürsten Volodymyr (russ. Vladimir, 980–1015) angelegtes Herrschaftszentrum (russ./ukrain. detinec), das „Stadt des Volodymyr“ genannt wurde, in der ersten Hälfte des 11. Jh. ein zweites, das auf eine Stadterweiterung unter Jaroslav dem Weisen (1019–54) zurückgeht und nach ihm benannt wurde.
Kiew Michaelskirche
Zudem gab es seit dem 10. Jh. die kleine Handels- und Gewerbeansiedlung mit der Bezeichnung ›Kopyriv kinecʹ‹ („Kopyriv Ende“) und die 1108–13 auf dem Gebiet des Dymytrij-Klosters erbaute Kirche des Hl. Michael. Die „Michaelskirche“, nach der dann das gesamte Kloster benannt wurde, war die einzige Kirche im alten K. mit einer goldenen Kuppel (zolotoverchyj, „mit den goldenen Dächern“). Die befestigte Oberstadt bestand also aus mehreren, wiederum befestigten Städten oder Stadtbezirken.

Während die Oberstadt seit dem 10. Jh. das Herrschaftszentrum mit den Residenzen der Großfürsten und etwas später auch der Metropoliten war, konzentrierten sich in einer unteren, direkt am Dnjepr gelegenen Ansiedlung oder „Talstadt“ bzw. „Unterstadt“ mit dem Namen Podil (russ. Podol) Handel und Gewerbe. Sie entstand wohl Ende des 9. Jh., denn zuvor ließ der regelmäßig über die Ufer tretende Dnjepr keine feste Bebauung mit den typischen, leicht eingesenkten Blockhäusern sowie mit einem Flusshafen zu. Bereits im 10. Jh. wurde Podil zur größten Beisassengemeinde (posad) des mittelalterlichen K. Hier befanden sich der zentrale Markt, die Viertel der Händler und Handwerker sowie die Kolonien der ausländischen Kaufleute; die Freien hielten hier die Volksversammlungen (russ. veče, ukrain. viče) ab.

Unter Großfürst Jaroslav erlebte K. in der ersten Hälfte des 11. Jh. den Höhepunkt seiner Entwicklung. Die aktive Heiratspolitik und der Ausbau der Stadt machte sie in ganz Europa bekannt. In der mittelalterlichen kirchlichen Literatur wird sie auch als „Zweites Jerusalem“ bezeichnet. Der Merseburger Bischof Thietmar (975–1018) beschrieb K. 1018 in seiner Chronik als Stadt mit hunderten Kirchen. Jaroslav weitete die befestigte Oberstadt beträchtlich aus, ließ vier große Stadttore (u. a. das „Goldene Tor“, zolota [ukrain. zoloti] vorota) errichten und veranlasste – nach einer Legende an dem Ort eines Sieges über das Steppenvolk der Petschenegen – den Bau der Sophienkathedrale (Sofijskij Sobor, Baubeginn ca. 1037),
Kiew Sophienkathedrale
die zur Grabstätte der Großfürsten und Metropoliten wurde und als deren Vorbild u. a. die Hagia Sophia gilt. Jaroslav ließ die Kathedrale aufwendig mit Fresken und Mosaiken gestalten und richtete in ihr auch eine große fürstliche Bibliothek ein. Das zweite kirchlich-kulturelle Zentrum der K.er Rus wurde das südlich der Oberstadt gelegene K.er Höhlenkloster am Abhang des Dnjepr. Mönchisches Höhlenleben hatte es hier bereits seit Mitte des 11. Jh. gegeben.

Nach dem Tod Jaroslavs begannen Erbfolgekämpfe, die sich auf die Stadt negativ auswirkten und zu wiederholten Eroberungen und Zerstörungen führten, etwa durch den Suzdalʹer Fürsten Andrej Bogoljubskij 1169 und Fürst Rjurik Rostislavič (russ., ukrain. Rjuryk Rostyslavovyč) und seinen Verbündeten 1203. Politisch übte K. seit dem 12. Jh. keine Hegemonie mehr über einen einheitlichen Herrschaftsverband aus. 1240 zerstörte ein mongolisch-tatarisches Heer die Stadt, auch die Sophienkathedrale und die vom Ende des 10. Jh. stammende erste Steinkirche der K.er Rus, die „Zehntkirche“ (Desjatinnaja [ukrain. Desjatynna] cerkva).

Die ältere These vom wirtschaftlichen und sozialen Niedergang K.s im Jahrhundert vor dieser Zerstörung ist auf der Basis archäologischer und numismatischer Forschungen von der sowjetischen Forschung bezweifelt und revidiert worden. Genauere Aufschlüsse über die sozialen Beziehungen in Podil brachten sie aber bisher nicht. Tatsächlich war der Schwarzmeerhandel bereits seit dem 12. Jh. zunehmend von den oberitalienischen Städten übernommen worden, mit deutlichem Einfluss auf die städtische Entwicklung K.s.

Im 14. Jh. kam es unter litauische Oberherrschaft (1362–63). Bis 1470 unterstand es der Herrschaft des Sohnes von Großfürst Algirdas Volodymyr (litau. Vladimiras, †1398) und dessen Nachfolgern, dann wurde es zwischen 1471 und 1569 zum Sitz einer litauischen Woiwodschaft. 1299 bereits war der Metropolitensitz unter Beibehaltung des Ehrentitels „von K. und der ganzen Rus“ (russ. vseja Rusi) nach Vladimir und Moskau an den Großfürstenhof verlegt worden. Die litauischen Großfürsten und polnischen Könige richteten jedoch konkurrierende Metropolien (unter Verwendung desselben Ehrentitels) für die orthodoxe Bevölkerung Polen-Litauens in Halyč und K. ein.

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Nach der Lubliner Union von 1569, die eine polnisch-litauische Realunion schuf, kamen Stadt und Woiwodschaft K. unter polnische Oberherrschaft. Die K.er Metropoliten erkannten die Erhebung Moskaus zum Patriarchat 1589 nicht an und errichteten zwischen 1596 (Union von Brėst) und 1633 in K. eine unierte Metropolie „von K. und der gesamten Rus“ mit Sitz in der Sophienkathedrale (diese existierte formal bis zum endgültigen Verbot im 19. Jh.). Allerdings führte das Wiedererstarken der Orthodoxie dazu, dass nach 1620 in K. auch wieder eine vom Konstantinopler Patriarchen geweihte orthodoxe Metropolie entstand, die 1633 die Sophienkathedrale als Metropolitankirche zurückerhielt.

Über die Entwicklung der Stadt in diesem Zeitraum ist wenig bekannt. Handel und Gewerbe begannen sich langsam zu erholen, Podil erhielt Selbstverwaltungsrechte und spätestens 1498–99 das Magdeburger Recht, allerdings nicht in seiner vollen Ausprägung. Die periphere Lage K.s innerhalb des litauischen Fürstentums begünstigte Überfälle, etwa der Krimtataren, die unter Mengli-Girāi 1482 die Oberstadt verwüsteten. Unter dem Metropoliten Petro Mohyla (1632–47), der auch Vorsteher des Höhlenklosters war, erlebte die Stadt eine kulturelle Renaissance.

Schon der Kosakenhetman Petro Sahajdačnyj (†1622) hatte eine Bruderschaft mit einer Schule (1615) gegründet (ukrain. Kyjivska bratsʹka škola), das Höhlenkloster eine eigene Druckerei und etwas später auch eine eigene Schule erhalten. Mohyla ließ eine Reihe neuer Kirchen bauen, verfallene Kirchen wieder aufbauen und gründete 1632 auf der Basis der Bruderschaftsschule ein K.er Kollegium, das 1701 in „K.er Mohyla-Akademie“ (Kyjevo-Mohiljansʹka akademija) umbenannt und zur ersten höheren Schule im ostslawischen Raum wurde. Sie diente als orthodoxe kulturelle Einrichtung einerseits der Abgrenzung gegenüber katholischen (jesuitischen) bzw. polnischen Einflüssen, nahm aber andererseits vielfältige Einflüsse aus Polen auf und vermittelte sie im späten 17. und im 18. Jh. nach Russland weiter.

1648 nahmen die Kosaken unter Bohdan Chmelʹnycʹkyj K. ein (Chmelʹnicʹkyj-Aufstand), 1651 kam die Stadt wieder zu Polen-Litauen, seit 1654 weisen die Existenz einer Moskauer Garnison und der Bau einer neuen Festung auf die Moskauer Oberherrschaft hin. Der Vertrag von Andrusiv (1667) sprach K. und das links des Dnjeprs liegende Gebiet (sog. linksufrige Ukraine) zeitweise, der sog. Ewige Friede von 1686 auf Dauer Moskau zu. Die orthodoxe K.er Metropolie unterstellte sich nun auch dem Moskauer Patriarchat.

Die kriegerischen Auseinandersetzungen der Mitte des 17. Jh. hatten zu einem erneuten Verfall der Stadt geführt. Der französische Reisende Guillaume le Vasseur de Beauplan sah 1660 nur noch eine verfallene Stadt mit einigen Tausend Einwohnern. Unter Hetman Ivan Mazepa (1687–1709) erlebte K. dann Ende des 17. Jh. eine neue Blüte. Er ließ neue Kirchen bauen oder verfallene Kirchen im Stil des „kosakisch-ukrainischen“ Barock wieder aufbauen, so auch die Sophienkathedrale, die neben dem ursprünglichen Fünfkuppelbau nun eine Vorhalle und einen Glockenturm erhielt. Die Achse zwischen dem ebenfalls barocken, 1716–19 errichteten Glockenturm des Michaelsklosters und dem Glockenturm der Sophienkathedrale war das Herzstück K.s dieser Zeit. Nachdem Zar Peter I. in der Schlacht von Poltava 1709 den schwedischen König Karl XII. und seinen Verbündeten Mazepa geschlagen hatte, folgte der Ausbau der Stadt zu einer Festung und ihre sukzessive administrative Unterordnung unter den petrinischen Staat.

Im 18. Jh. hatte sich die aus dem Mittelalter stammende Siedlungsstruktur K.s immer noch erhalten: Podil verwaltete sich entsprechend dem Magdeburger Recht weitgehend selbst. Das Höhlenkloster, das in seiner Nähe seit 1711 lebende russische Militär (Gründung eines Arsenals 1764) und die Beamten unterstanden einer anderen Verwaltung. Selbstverwaltungs- und hoheitliche Rechte waren häufig nur ungenau getrennt, was wiederholt Konflikte hervorrief.

Die Verwaltungsreform von Katharina II. schuf mit der Stadtduma eine Parallelstruktur zum traditionellen Magistrat und erhob K. 1781/82 zum Zentrum einer Statthalterschaft, deren Funktionsträger zu den eigentlichen Machthabern der Stadt aufstiegen. Nach der zweiten Teilung Polen-Litauens 1793, durch die Russland das rechts des Dnjeprs liegende Gebiet der sog. rechtsufrigen Ukraine zufiel, wurde die Statthalterschaft aufgehoben und K. 1797 Hauptstadt des Gouvernements K.

Der Grenz- und Festungscharakter der Stadt erhielt sich zwar noch bis in die Mitte des 19. Jh. und das Militär stellte einen hohen Bevölkerungsanteil, doch setzte jetzt ein deutlicher Wandel ein, der mit der Verlegung des sog. Kontraktjahrmarktes (kontraktova jarmarka) von Dubno (in der Nordwestukraine) nach K. 1798 zusammenhängt. Der lokale und regionale Handel erfuhr eine spürbare Belebung. K. fehlte Ende des 18. Jh. mit seinen insgesamt 19.000 Einwohnern jedoch weiterhin ein urbaner Charakter. Paul I. und Alexander I. hatten der Stadt noch einmal das Magdeburger Recht bestätigt (1796, 1801), die Einwohner K.s ließen im Gedenken daran 1802–08 eine Ehrensäule auf den Dnjeprhängen errichten.

Doch 1834 hob Nikolaus I. die aus dem 15. Jh. stammende Rechtsordnung endgültig auf. Die Verteidigung der angestammten Selbstverwaltungsrechte zeugt einerseits vom Traditions- und Selbstbewusstsein der K.er Stadtgemeinde gegenüber den Machtansprüchen der autokratischen Herrschaft, hatte aber andererseits fremdenfeindliche Züge, da sie sich v. a. gegen die vom jährlich im Januar stattfindenden „Kontraktjahrmarkt“ angezogenen polnischen Adligen sowie jüdischen und russischen Kaufleute richtete.

Anfang

Die Napoleonischen Kriege brachten einen Impuls für Industrie und Gewerbe und K. stieg in der ersten Hälfte des 19. Jh. zum Zentrum der ukrainischen Rübenzuckerindustrie im Zarenreich auf („Zuckerhauptstadt Russlands“). In der Mitte des 19. Jh. war K. bereits eine bedeutende Stadt mit 65.000 (1861) Einwohnern geworden. Straßenbau und andere Infrastrukturmaßnahmen hatten die Stadt in der ersten Hälfte des 19. Jh. erneuert und begannen die nur lose verbundenen verschiedenen Stadtteile miteinander zu verknüpfen (Bau der Hauptstraße Kreščatik [russ., ukrain. Chreščatyk]). Nach einem großen Brand in Podil 1811 wurde das alte Handwerker- und Gewerbeviertel und ein großer Kaufmannshof (Gostinyj dvorʹ/Gostynyj dvir, erbaut 1812–28) neu angelegt. Um das Hauptgebäude der 1834 eröffneten „St.-Volodymyr-Universität“ (projektiert und gebaut 1835–42) entstand auf der Bergseite ein neuer Stadtteil. Eine zwischen 1848 und 1856 errichtete Brücke führte jetzt über den Dnjepr und seit 1869–70 verbanden Eisenbahnverbindungen K. nach Norden mit Kursk und Moskau sowie nach Süden mit Odessa.

Der polnische Einfluss erhielt sich in K. noch lange. V. a. für die polnischen Gutsbesitzer, die große Mehrheit des Adels der rechtsufrigen Ukraine, hatte K. eine wichtige wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung. Viele Adlige pflegten hier in den Wintermonaten ein intensives geselliges Leben und besuchten den „Kontraktjahrmarkt“. Anfang des 19. Jh. stellten die Polen etwa 10 % der K.er Bevölkerung. Der polnische Aufstand 1830–31 („Novemberaufstand“) fand in K. zwar keine Unterstützung, leitete aber eine Politik der Stärkung des orthodoxen und russischen Einflusses ein, die in der Gründung der K.er „St.-Volodymyr-Universität“ ihren bekanntesten Ausdruck fand. Das Russische wurde zur Sprache von Verwaltung und Wissenschaft und begann auch in den Mittelschulen das Polnische als Unterrichtssprache zu ersetzen. Doch anders als von der Autokratie erwartet leitete diese Politik auch einen Prozess der nationalen Gegenmobilisierung ein: Es entstanden in der zweiten Hälfte der 1830er Jahre und nach dem Krimkrieg informelle polnische Bünde mit geheimen Büchereien. K. übte gerade als Universitätsstadt auf polnische Intellektuelle und insbesondere Literaten große Anziehungskraft aus.

Die K.er polnischen Studenten zeigten offen Sympathie für den polnischen Aufstand 1863–64 („Januaraufstand“). Im Frühjahr 1863 kam es in K. selbst sowie im K.er und Wolynischen Gouvernement auch zu einer Unterstützung des Aufstandes. Nach dessen Niederschlagung setzte ein verstärkter sozialer Wandel innerhalb der polnischen Bevölkerung K.s ein. Zahlenmäßig wuchs sie um 1900 kräftig (1897: 16.579) an, spaltete sich aber in einen kleineren, sehr wohlhabenden adligen Teil, einen wachsenden Anteil aus den städtischen unteren Schichten und eine sich z. T. stark radikalisierende polnische Studentenschaft.

Die K.er Handwerker und Kleinhändler hatten den Hauptteil der ukrainischen Bevölkerung der Stadt gestellt und ihre exklusiven Rechte, die ihnen das Magdeburger Recht in Podil seit dem Ende des 15. Jh. verlieh, bis ins 19. Jh. verteidigt. Sie dominierten v. a. den Handel mit Lebensmitteln, Textilien und täglichen Konsumartikeln. Nach 1835 verstärkte sich die ökonomische Position der russischen Kaufleute in der Stadt. Viele kamen aus Moskau bzw. der Moskauer Umgebung und aus St. Petersburg. Hinzu kamen jüdische Kaufleute aus Berdyčiv und anderen Städten der Ukraine. Jedoch hatten sich seit Ende des 18. Jh. auch viele kleinrussische (ukrainische) Adlige aus der linksufrigen Ukraine in K. niedergelassen und waren in wichtige Positionen im Staatsdienst aufgestiegen.

Es gab einen ukrainischen Salon zu Beginn des 19. Jh. und seit der Mitte des Jahrhunderts auch eine Reihe ukrainischer Unternehmer, vornehmlich in der Zuckerindustrie, wie die Brüder Jachnenko, Tereščenko, Chanenko und Charytonenko, von denen einige bedeutende Kunstsammler und Wohltäter wurden.

Ein Teil der orthodoxen Studenten der „St.-Volodymyr-Universität“ mit regionalem Hintergrund in der Ukraine hatte sich gegenüber den polnischen, russischen und anderen Kommilitonen abgegrenzt und 1845–47 eine „Bruderschaft der Hl. Kyrill und Method“ (Bratstvo Sv. Kyryla i Mefodija) aus insgesamt etwa 90 Mitgliedern und Sympathisanten gebildet. Unter ihnen waren der bekannte Historiker Mykola Kostomarov (russ. Nikolaj Kostomarov) und der spätere ukrainische Nationaldichter Taras Ševčenko. Die Polizei deckte 1847 die Bruderschaft, die als erste politische ukrainische Vereinigung gilt, auf und verhaftete die Mitglieder.

1859 kam es erneut zur Gründung einer von Studenten geprägten ukrainischen Vereinigung (einer sog. Hromada), aber ein Zirkular des Innenministers Pëtr Valuev (russ. Valuevskij cirkuljar) von 1863 unterdrückte die Bewegung, indem es den Druck ukrainischer Publikationen verbot. Als sich das ukrainische kulturelle Leben in K. in den 1870er Jahren wieder zu formieren begann, verschärfte der sog. Emser Erlass (Emskij ukaz) von 1876 das Verbot. Ende des 19. Jh. gewannen ukrainische Kreise, die sich in einen eher kulturellen und einen stärker politischen spalteten, wieder an Zulauf. An der Universität begründete etwa der Historiker Volodymyr Antonovyč (1834–1908) eine einflussreiche Schule der Erforschung der ukrainischen Geschichte.

In der Revolution von 1905 brach sich die ukrainische Bewegung schließlich machtvoll Bahn. Ukrainischsprachige Zeitungen und Zeitschriften, kulturelle Vereinigungen wie ›Prosvita‹ (1905–10) und politische Parteien wie die „Ukrainische Sozialdemokratische Gesellschaft“ (Ukrajinsʹka social-demokratična spilka), aus der später die „Ukrainische Sozialdemokratische Arbeiterpartei“ (Ukrajinsʹka social-demokratična robitnyčna partija) hervorging, wurden gegründet, wenn auch bald darauf von den staatlichen Organen wieder unterdrückt.
Kiew Sevcenko-Universität
K. war jetzt unumstrittenes Zentrum der ukrainischen Bewegung, das auf andere Städte der russischen Ukraine ausstrahlte, aber auch russische, polnische und jüdische Gegenmobilisierungen hervorrief oder förderte. So blieben aufgrund wiederholter Proteste der russischen Nationalisten Projekte erfolglos, dem Nationaldichter Ševčenko anlässlich seines 50. Todestages 1911 und 100. Geburtstages 1914 ein Denkmal zu errichten. Ein solches wurde so erst 1939 im Park vor dem Hauptgebäude der im gleichen Jahre nach ihm umbenannten Universität eingeweiht, und zwar an der Stelle des abgenommenen Denkmals von Nikolaus I.
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K. war bis zur Abdankung des Zaren 1917 eine multikonfessionelle und multiethnische Stadt, hatte aber seit der Mitte des 19. Jh. einen immer stärker russischsprachigen Charakter erhalten. Russischsprachige Beamte, Militärs, Gelehrte und Kaufleute dominierten zumindest in den zentralen Stadtteilen eindeutig, die russische Sprache war Voraussetzung des sozialen Aufstiegs.

Juden hatten bereits im mittelalterlichen K. gesiedelt, ihre genaue Zahl ist aber unbekannt. Eine jüdische Gemeinde gab es spätestens im 16. Jh. Ihre Ansiedlungs- und Handelsrechte waren jedoch ungesichert. 1654 wurde sie (während der Kosakenaufstände) Opfer eines Pogroms und aus der Stadt ausgewiesen, sodass Juden bis zum Ende des 18. Jh. in K. nicht mehr lebten. K. gehörte dann zunächst zum jüdischen „Ansiedlungsrayon“, den Katharina II. 1794 bestimmt hatte. Der „Kontraktjahrmarkt“ zog zahlreiche jüdische Händler an. Aber neue Niederlassungsverordnungen grenzten die Ansiedlungsrechte der Juden nach 1801 wieder stark ein. Ein kontinuierliches jüdisches Leben blieb zwar von nun an bestehen und 1815 wurde eine Synagoge im Stadtteil Podil gebaut. Doch 1827 wies man die K.er Juden erneut aus der Stadt aus und 1836 nahm der Staat K. aus dem jüdischen „Ansiedlungsrayon“ heraus. Juden war von nun an nur noch ein zeitweiliger Aufenthalt in der Stadt gestattet, z. B. Kaufleuten der sog. Ersten oder Zweiten Gilde einige Tage bis zu einem halben Jahr. Nach dem Krimkrieg erfolgte eine Lockerung der Ansiedlungsbestimmungen und die jüdische Gemeinde wuchs rasch an (ca. 8000 Juden [1865]). Zögerlich setzte eine Akkulturation an die russische Sprache ein und Söhne aus Gelehrten- und Kaufmannsfamilien begannen die staatlichen Mittelschulen und die „St.-Volodymyr-Universität“ zu besuchen. Das Pogrom von 1881 wütete auch in K.: Einige Juden kamen um, viele wurden verletzt und wohnungslos, die Synagoge und viele Häuser ärmerer Juden zerstört. Die Folge waren sowohl eine verstärkte Akkulturation als auch eine Emigrationswelle und eine nationale Mobilisierung. Die jüdische Gemeinde konsolidierte sich in der Folge wieder, obwohl sie 1905 ein neues Pogrom erlitt, sodass 1910 fast 60.000 Juden in der Stadt lebten (etwa 12 % der städtischen Bevölkerung).

Eine der prominentesten jüdischen Familien K.s war die der Brodskij (russ., ukrain. Brodsʹkyj): eine Unternehmerdynastie, die v. a. in der Zuckerindustrie zu Wohlstand gekommen war und durch ihr wohltätiges Handeln für die jüdische Gemeinde und die Stadt Anerkennung und Bekanntheit gewann. Izrailʹ M. Brodskij (1823–88) gründete 1846 eine erste große Zuckerraffinerie im Gouvernement und ließ sich 1876 in K. nieder, von seinen Söhnen wurde Lazarʹ I. Brodskij (1848–1904) als „Zuckerkönig des Südens“ und Erbauer der 1898 nach langen Bemühungen im Zentrum eröffneten Synagoge am bekanntesten. Die unsichere Situation der Juden in K. vor 1917 zeigt am deutlichsten die sog. Bejlis-Affäre (delo [ukrain. dilo] Bejlisa), die 1911–13 in K. zum Gerichtsprozess und schließlich zum Freispruch des Mendelʹ Bejlis führte, der fälschlicherweise des Ritualmordes an einem orthodoxen Jungen angeklagt worden war.

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Die industrielle Entwicklung zu Beginn des 20. Jh. blieb weitgehend auf den Maschinenbau für die Landwirtschaft und die Zuckerraffinerien beschränkt. K. war mit Überschreiten der 100.000-Einwohnermarke 1870 Großstadt geworden, um 1897 betrug die
Kiew Oper
Einwohnerzahl bereits 247.432, 1910 468.702. Die 1870 eingerichtete Selbstverwaltung hatte in ihrem Zentrum eine moderne technische und soziale Infrastruktur einrichten lassen, zu der eine stattliche Zahl von Schulen, Oper und Theater, Bibliotheken und Krankenhäuser und die erste elektrische Straßenbahn Russlands gehörten. Ein großer Teil der städtischen Bevölkerung blieb jedoch von diesen Errungenschaften ausgeschlossen, da sie nicht die Armenviertel wie Podil oder den schnell wachsenden Stadtteil Lybedʹ erreichten.

Der Erste Weltkrieg verschärfte die bereits zuvor virulenten nationalen und sozialen Konflikte. Auf die kulturelle und politische Unterdrückung der Ukrainer folgte nach dem Zusammenbruch der Zarenherrschaft der Aufstieg K.s zum nationalen ukrainischen Zentrum. 1917 fanden hier zahlreiche allukrainische Kongresse statt, tagte als neues repräsentatives Organ die „Zentrale Rada“ (Centralʹna rada). Am 25.1.1918 wurde schließlich die unabhängige „Ukrainische Volksrepublik“ (Ukrainsʹka Narodnja Republika) ausgerufen. Die Herrschaft wechselte bis 1920 mehrmals zwischen den Bolschewisten, ukrainisch-nationalen Verbänden, dem deutschen Militär, Weißgardisten und der polnischen Armee, bevor die Bolschewisten erneut und endgültig die Herrschaft in der Stadt übernahmen.

K. etablierte sich während des ersten Jahrzehnts als Sozialistische Sowjetrepublik (USSR) als ukrainisches kulturelles Zentrum, da die Akademie der Wissenschaften, wichtige kulturelle Einrichtungen (z. B. 1922–26 das avantgardistische Theater ›Berezilʹ‹ unter dem Theatermacher Lesʹ Kurbas), Zeitschriften und Kulturvereinigungen wie auch das Zentrum der ukrainischen Filmindustrie sich hier befanden und die Avantgarde der bildenden Kunst sich hier versammelte. Doch war andererseits Charkow bis 1934 Hauptstadt und konkurrierendes kulturelles und wissenschaftliches Zentrum. Auch der Metropolit der in den Revolutionsjahren entstandenen synodal verfassten „Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche“ (UAOK) residierte zunächst in K., dann aber bis zur erzwungenen Auflösung 1930 in Charkow.

Seit Ende der 1920er, Beginn der 1930er Jahre führte Stalins Herrschaft in K. zu wachsendem Terror gegenüber der Intelligenz, einer Aufgabe der Ukrainisierungs- und Forcierung der Russifzierungspolitik. Die ›Holodomor‹ genannte Hungersnot 1932–33, die ein politisch herbeigeführter und zugelassener Hungertod von Millionen von Menschen war, wirkte sich in der Stadt in brutaler Weise aus.

Die Hauptstadtverlegung nach K. und die eingeleitete Industrialisierung ließen die Einwohnerzahl (1929 578.000) erneut hochschnellen, die Angabe von 930.000 für 1940 kann aber nicht als gesichert gelten. Ein Generalbebauungsplan sah den Ausbau der Stadt mit der Errichtung zahlreicher monumentaler Bauten im Stadtzentrum vor (z. B. das Gebäude des Ministerrates der USSR, der Post, das Zentralstadion). Maschinenbau und Leichtindustrie wurden besonders gefördert. Neue Dnjeprbrücken verbanden jetzt die beiden Ufer und leiteten die Stadterweiterung auf das östliche Ufer ein. Der neuen Stadtgestaltung fielen in den Jahren 1934–37 zahlreiche Kirchen zum Opfer. Es handelte sich dabei nicht nur um Bauten aus dem 19. Jh., denen von staatlicher Seite keine besondere „historische Bedeutung“ zugemessen wurde, sondern auch um einige ältere Kirchen und Klöster wie etwa das mittelalterliche Kloster und die Kirche des Hl. Michael, die „Vasilij-Kirche der drei Heiligen“ in der alten Oberstadt oder die Kirche der Hl. Borys und Hleb (russ. Boris und Gleb) und die Auferstehungskirche (Uspenskij [ukrain. Uspensʹkij] Sobor) im Stadtteil Podil. 1926 war bereits das Höhlenkloster geschlossen und in ein Museum umgewandelt worden, 1934 folgte die Sophienkathedrale.

In der Zwischenkriegszeit hatten neben den Ukrainern auch andere nichtrussische Nationalitäten – unter Einhaltung der politischen Vorgaben – zunächst neue kulturelle Entfaltungsmöglichkeiten erhalten. Viele Juden zogen aus den kleinen Städten der Ukraine nach K. und hatten die jüdische Bevölkerungszahl K.s von 1925 140.256 (27,3 %) auf bis zu 175.000 (?) 1939 (ca. 20 % der gesamten Stadtbevölkerung) ansteigen lassen. Es kam zu einer Blüte der jiddischsprachigen Kultur mit einem staatlichen jüdischen Theater, jiddischsprachigen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen. 1926 richtete die „Ukrainische Akademie der Wissenschaften“ eine Abteilung für die Erforschung der jüdischen Kultur (seit 1930 „Institut für jüdische proletarische Kultur“ [ukrain. Instytut jevrejsʹkoji proletarsʹkoji kulʹtury]) ein. Doch kam es in den 1930er Jahren neben der Schließung weiterer Synagogen auch zu zahlreichen Repressionen. Ähnliches gilt für die K.er Polen, die in der Zwischenkriegszeit mit etwa 12.000 3 % der Stadtbevölkerung stellten. Das polnische Theater in K., das nach 1905 zunächst als Amateurtheater entstanden war, blühte zunächst auf, wurde 1938 aber geschlossen.

Nach dem Einfall Nazi-Deutschlands in die Sowjetion befahl Hitler im Sommer 1941 zunächst die totale Zerstörung K.s durch Luftwaffe und Artillerie. Doch wurde auf Wunsch der Führung der 6. Armee, die Einnahme der Stadt befohlen, um Zugriff auf die Dnjeprbrücken zu bekommen. Als die Wehrmacht die Stadt am 19.9. nach schweren Kämpfen einnahm, hatte die Rote Armee auf ihrem Rückzug aber die Brücken, das Wasser- und das Elektrizitätswerk zerstört. Untergetauchte NKWD-Einheiten, die in der Stadt geblieben waren, verminten zahlreiche Gebäude, in denen deutsche Truppeneinheiten oder Stäbe untergebracht waren, die Explosionen forderten viele Todesopfer und lösten wiederholt Großbrände aus.

Ein Befehl des XXIX. Armee-Korps vom 22.9.1941 hatte ursprünglich neben der Festnahme verdächtiger männlicher Bevölkerung auch die der jüdischen Bevölkerung K.s vorgesehen, um sie vor Ort zur Zwangsarbeit einzusetzen. (Nach Schätzungen hatten maximal 100.000 der insgesamt etwa 160.000 starken jüdischen Bevölkerung K.s vor dem deutschen Einmarsch die Stadt verlassen können.) Aufgrund der Denunziation durch Einwohner der Stadt, die Juden für die Zustände nach der Eroberung verantwortlich machten, forderte das Sonderkommando 4a der Einsatzgruppen von Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst eine Strafaktion, begann mit der Erfassung der jüdischen Bevölkerung und wurde dabei offenkundig vom Stadtkommandanten Generalmajor Kurt Eberhard unterstützt. Wenige Kilometer nördlich vom K.er Stadtrand fand anschließend am Rand eines jüdischen Friedhofes in der Schlucht Babyn Jar (russ. Babij Jar) eine der größten Einzelaktionen der massenhaften Ermordung von Juden während des Zweiten Weltkrieges statt als am 29. und 30.9.1941 das Sonderkommando 4a mit Hilfestellung von Dienststellen und Einheiten der Wehrmacht 33.771 K.er Juden ermordete. Bis 1943 kamen in Babyn Jar schätzungsweise etwa 100–200.000 Menschen um. Deutsche Einheiten versuchten auf dem Rückmarsch alle Spuren des Verbrechens zu verwischen.

Aufgrund der Explosionen und Brände in der Stadt, der schlechten Versorgungslage der deutschen Truppen und der einheimischen Bevölkerung ordnete Hitler schließlich eine Aushungerungspolitik an, von der lediglich diejenigen z. T. ausgenommen wurden, die für das deutsche Militär arbeiteten. Nur die Flucht von der Stadt aufs Land konnte viele Menschen im Winter 1941–42 vor dem Kälte- und Hungertod retten, Zehntausende kamen in der Stadt um. Im Herbst 1941 unter militärischer Verwaltung entfalteten kurzfristig auch nationalpolitisch organisierte Ukrainer Aktivitäten, deren Verbindungen zur Besatzungsmacht und Resonanz bei der Stadtbevölkerung noch nicht genau erforscht sind. Insgesamt kamen während der nationalsozialistischen Herrschaft in K. nach einer Schätzung von Mykola Bohatiuk mindestens 200.000 Einwohner um, etwa 100.000 Ukrainer wurden als Ostarbeiter nach Deutschland zwangsverschickt, etwa 100.000 sowjetische Soldaten starben in deutschen Gefangenenlagern am Rande der Stadt.

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Der Wiederaufbau der stark zerstörten Stadt nach 1945 erfolgte sehr schnell, bereits 1949 war der Vorkriegsstand in der Industrieproduktion wieder erreicht. Die Anlage neuer Wohnviertel und Industrieanlagen veränderte seit den 1950er Jahren v. a. das östliche Dnjeprufer. 1961 lag die Bevölkerungszahl bei 1.208.000, eine Metro wurde eröffnet und neue große Stadtviertel angelegt. Gleichzeitig kam es zu Beginn der 1960er Jahre zu einer neuen Welle von Kirchenzerstörungen. Restalinisierungstendenzen unter dem neuen Generalsekretär der KPdSU Leonid Brežnev (1906–82) riefen nach 1964 innerhalb der Intelligenz Proteste hervor, die national und politisch motiviert waren und aus der eine kleine Dissidentenszene hervorging.

Durch Zuwanderung vom Land und Ukrainisierungstendenzen unter K.s Parteichef Petro Ju. Šelest (1908–96) erhielt K. nun einen stärker ukrainischen Charakter. Die Stadt wurde auch wieder zu einem Zentrum für die ukrainischen Juden (1958 153.466), ohne dass sie sich allerdings kulturell und religiös entfalten konnten. Die polnische Gemeinde war dagegen im Unterschied zur Zwischenkriegszeit nur noch unbedeutend. Zu besonderen Orten des ukrainischen und jüdischen Gedenkens wurden in den 1960er Jahren das Denkmal für Ševčenko und Babyn Jar.

Aus Anlass der 1500-Jahr-Feier der Stadt und dem 60. Jahrestag der Gründung der Sowjetunion, 1982, entstanden eine Reihe von neuen Denkmälern und Museen: der große Erinnerungskomplex „Nationalmuseum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges 1941–1945“ (russ. Nacionalʹnyj muzej istorii Velikoj Otečestvennoj vojny [ukrain. istoriji Velikoji Bitčyznjanoji vijny] 1941–1945), das Stadtgeschichtliche Museum, ein Denkmal für die legendären Stadtgründer Kyj, Šček und Choryv und ihre Schwester Lybid sowie die restaurierten mittelalterlichen Tore.
Kiew Goldenes Tor
Kiew Leninmuseum
Für den Bau der K.er Filiale des Leninmuseums am Anfang der Chreščatyk-Straße wurde das alte „Hotel Europa“ abgerissen. K. feierte sich 1982 sowohl als alte als auch als moderne sowjetische Stadt, es präsentierte sich offiziell v. a. als Stadt der Russen, Ukrainer und Weißrussen, deren gemeinsame politische und kulturelle Wurzel im „Land der Rus“ bzw. der K.er Rus gesehen wurde, hingegen weniger als ukrainische Stadt, obwohl es eine deutliche ukrainische Bevölkerungsmehrheit hatte, und auch weniger als Stadt der Polen, Juden u. a. nichtostslawischer und nichtorthodoxer Bevölkerungsgruppen.

Nach 1991 hat sich die Stadt zum einen als das „heilige K.“ der Kirchen und Klöster „neu erfunden“. Einige der in den 1930er Jahren zerstörten Kirchen wurden wiedererrichtet, wie z. B. das mittelalterliche Kloster und die Kirche des Hl. Michael (1997–2000); andere Rekonstruktionen wie die der „Zehntkirche“ stehen in den nächsten Jahren bevor. K. definiert sich somit heute wieder stark als kirchlich-religiöser Mittelpunktund knüpft kulturell an die vorsowjetische, besonders an die mittelalterliche und frühneuzeitliche Periode bis zum 18. Jh. an.

Zum anderen stellt die Stadt, seit 1991 Hauptstadt des unabhängigen Staates Ukraine, ihre Tradition als Herrschaftszentrum heraus. Hierbei soll insbesondere der Bezug auf die K.er Rus und das frühneuzeitliche ukrainische Kosakenhetmanat traditionsstiftend wirken. Hinzu kommt die Bezugnahme auf die Revolutionszeit 1917–18, als K. Hauptstadt der Ukrainischen Volksrepublik und des Skoropadsʹkyj-Regimes war. Die durch den Präsidenten Leonid D. Kučma (*1938) zum zehnjährigen Jubiläum der Ukraine 2001 betriebene Errichtung einer Reihe von Denkmälern auf dem „Platz der Unabhängigkeit“ (Majdan nezaležnosti, ehemaliger „Platz der Oktoberrevolution“ [Plošča Žovtnevoji revoluciji]) am Anfang der Hauptstraße Chreščatyk soll diese Funktionen und Traditionen K.s als politisch-religiöses Zentrum herausstellen, ohne sich gleichzeitig zu stark von der Sowjetzeit zu distanzieren. Das mit der Platzneugestaltung ebenfalls intendierte Ziel, einen populären öffentlichen Ort der Stadt zu einem exklusiven staatlichen Repräsentationsort umzufunktionalisieren, scheiterte jedoch spätestens in der „Orangenen Revolution“ Ende 2004, als sich die Gesellschaft den Ort im politischen Protest gegen die Fälschung der Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen zurückeroberte. Den Platz umgibt seitdem die Aura des Geburtsortes der demokratischen ukrainischen Nation.

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(Guido Hausmann)

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