Chasaren

Chasaren (Ch.-Reich, Ch.-Khaghanat)

Die frühesten verlässlichen Nennungen der türkischstämmigen, nomadisch lebenden Ch. stammen aus dem Raum des östlichen Kaukasus, dem heutigen Nord-Dagestan, und betreffen das 6. Jh. Einiges spricht dafür, dass die ethnischen Gruppen, die dem nachmaligen Ch.-Reich den Namen gaben, seit etwa 500 – möglicherweise in mehreren Wellen – aus Mittelasien in diesen Raum einwanderten und sich dort zunächst an der Grenze zum Sassaniden-Reich gegen iranische und andere türkische Ethnien zu behaupten hatten. Sie gerieten dann unter die Oberhoheit des westtürkischen Khaganats, das weite Teile des eurasischen Steppengürtels beherrschte. Als Bestandteil dieser Stammes-Konföderation unterstützten die Ch. 627/628 Herakleios in seinem großen Persien-Feldzug mit Hilfstruppen.

Nach dem Zerfall des westtürkischen Reiches ab 630 erscheinen die Ch. zunehmend selbständig handelnd und stehen seit ca. 650 unter einem eigenen Khagan als oberstem Herrscher, wobei die namengebenden Ch. wohl nur den Kristallisationskern für die Angliederung weiterer Ethnien bilden. Sie verdrängen in der Mitte des 7. Jh. die türkischen Bulgaren aus dem Raum nördlich des Schwarzen Meeres und besetzen den größten Teil der Krim, die neben Nord-Dagestan mit den Zentren Balanǧar (arab.-pers.) und Samandar (arab.-pers.) und dem Unterlauf der Wolga zum dritten Schwerpunkt chasarischer Herrschaft wird. Von der Mitte des 7. bis zur Mitte des 8. Jh. gelingt es den Ch. in wechselvollen Kriegen, eine Ausweitung der muslimischen Expansion in den Raum nördlich des Kaukasus zu verhindern. Sie stehen dabei im ständigen Bündnis mit dem Byzantinischen Reich. Zweimal heiraten chasarische Prinzessinnen ins byzantinische Kaiserhaus (ca. 704 und ca. 732). Unter dem ständigen arabischen Druck verlegen die Ch. (wohl nach 737) ihren Herrschaftsmittelpunkt aus Nord-Dagestan an die untere Wolga mit dem städtischen Zentrum Itil, das – am Schnittpunkt wichtiger Nord-Süd- und Ost-West-Handelswege gelegen – zunehmend aufblüht, nachdem sich auch die Beziehungen zum Kalifat der Abbasiden (seit 750) stabilisiert haben. Über militärische Zusammenstöße ist seit ca. 800 nichts mehr bekannt.

In den Ausgang des 8. Jh. fällt auch der Übertritt des Khagans und der Stammesaristokratie zum Judentum, wobei in der Forschung allerdings auch andere Datierungen (zwischen 720 und 860) favorisiert werden. Durch diese Konversion gelingt es den Ch., die Balance zwischen dem christlichen Byzanz und dem Kalifat zu halten, ohne sich allzu sehr in eine Richtung zu exponieren. Unterhalb der Stammesaristokratie gibt es weiterhin zahlreiche Anhänger des alttürkischen Stammesglaubens, des Christentums und besonders des Islam. Im 9. Jh. dehnen die zunehmend zu sesshafter Lebensweise übergehenden Ch. ihr Einfluss- und Herrschaftsgebiet nach Norden und Nordwesten in die Gebiete der Wolgabulgaren und Ostslawen aus, die Tribute zahlen und Geiseln stellen müssen. Auch die Magyaren gehören im 9. Jh. eine Zeitlang dem Ch.-Reich an: Arpad, der Stammvater der Arpaden-Dynastie, verdankt den Ch. seine Einsetzung als Führer des ungarischen Stämmebundes. Noch im 9. Jh. werden aber auch bereits Auflösungstendenzen sichtbar: die meisten ostslawischen Stämme gehen in den Herrschaftsbereich der Kiewer Rus über, die nach Westen abwandernden Magyaren und Anfang des 10. Jh. die Wolgabulgaren machen sich selbständig.

Das Byzantinische Reich unterstützt die Ch. durch Anlage einer Festung namens Sarkel am unteren Don (um 838). Dieser inzwischen für ein Stauseeprojekt geflutete Ort ist auch archäologisch eindeutig zu identifizieren. Im Zusammenhang damit wird erstmals das chasarische Doppelkönigtum erwähnt. Um 860 unternimmt der nachmalige Slawenapostel Kyrill (Konstantin) eine Missionsreise ins Ch.-Reich. Die muslimischen Geographen des 10. Jh. geben ziemlich ausführliche Beschreibungen des Ch.-Reiches und seiner wirtschaftlichen, auf dem Schutz der Handelswege durch die Ch. beruhenden Blüte. Nach diesen Berichten ist im 10. Jh. der Khagan auf die Funktionen eines Sakralkönigs beschränkt, daneben gibt es einen Zweitkönig, der die militärischen Aufgaben wahrnimmt und die tatsächliche Macht ausübt.

Über die Ereignisgeschichte des 10 Jh. ist nur noch wenig bekannt. 965 fällt das Ch.-Reich einem Angriff des Kiewer Fürsten Svjatoslav I. zum Opfer, ohne dass Byzanz, zu dem die Beziehungen im 10. Jh. abgekühlt zu sein scheinen, eingreift. Der Handelsverkehr im ehemaligen chasarischen Einflussgebiet, das sich zum Schluss möglicherweise bis Chorezm erstreckte, wird durch den Untergang des Ch.-Reiches in der nachfolgenden Zeit stark beeinträchtigt. Noch kurz zuvor war es (um 960) zu einem Briefwechsel in hebräischer Sprache zwischen einem jüdischen Gelehrten aus Córdoba und dem chasarischen König Josef gekommen, dessen Authentizität früher stark bezweifelt wurde. Nach 965 werden noch bis ins 13. Jh. vereinzelt Ch. in Kiew, auf der Krim und im Kaukasus genannt, ohne dass diese jedoch noch einmal politischen Einfluss gewonnen haben. Das Ostjudentum dürfte mit den Ch. nichts zu tun haben.

Brook K. A. 2002: The Jews of Khazaria. Northvale. Dunlop D. M. 1954: The History of the Jewish Khazars. Princeton. Golden P. B. 1992: An introduction to the history of the Turkish peoples. Wiesbaden, 233–244. The American Center of Khazar Studies (http://www.khazaria.com) [Stand 12.1.2004]. Ludwig D. 1983: Chazaren. Angerman N. (Hg.): Lexikon des Mittelalters 2. München, 1783–1788.

(Dieter Ludwig)

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